Wieviel Egoismus ist zugelassen? Eine freimaurerische Betrachtung

Wieviel Egoismus ist zugelassen? Eine freimaurerische Betrachtung

Wieviel Egoismus ist zugelassen? Eine freimaurerische Betrachtung

Thema: „Egoismus und ihre Bedeutung bzw. Verständnis in der Freimaurerei“.

Dieses Thema wird sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Maurerei auf unterschiedlichen Ebenen stets kontrovers diskutiert, ohne eine klare logische Antwort wie in der Mathematik zu erhalten. Ihre unterschiedliche Ausprägung hat einerseits den Menschen am Leben und Überleben gehalten, andererseits zwischen Recht und Unrecht entschieden. Evolutionsbedingt ist Egoismus aus dem Konkurrenzverhalten zur Selbsterhaltung entstanden und hat somit ihren Ursprung sowohl im Individuum als auch im Sozialverhalten. Ihr Gegenbegriff ist der Altruismus, in der Alltagssprache auch als Uneigennützigkeit, Selbstlosigkeit, durch Rücksicht auf andere gekennzeichnete Denk- und Handlungsweise, wie es im Großen Deutschen Wörterbuch geschrieben steht. Doch zum Verständnis: Egoismus ist von Egozentrismus abzugrenzen. Egoismus vollzieht sich mehr oder weniger bewussten und / oder gewollt, Egozentrik vollzieht sich unbewusst.

Ich möchte den Begriff Egoismus zunächst kurz aus der Wissenschaft durchleuchten und dazu die Psychologie und die Philosophie hinzuziehen. Egoismus stammt vom griechischen ego/ich ab und bedeutet Eigeninteresse oder Eigennützigkeit. Das Duden-Fremdwörterbuch beschreibt Egoismus als Ich-Bezogenheit, Ich-Sucht, Selbstsucht, Eigenliebe. In der Psychologie wird Egoismus als alles Streben, Verhalten und Handeln des Menschen im Bewussten und Unbewussten verstanden, der darauf zielt, sein individuelles Glück oder Wohlbefinden zu erhalten und zu steigern, seine eigenen Wünsche, Interessen und Ziele zu verwirklichen. Eugen Lennhoff hat 1932 gemeinsam mit Oskar Posner das Internationale Freimaurer-Lexikon veröffentlicht, in dem sie Egoismus als ein Verhalten, das von Selbstsucht und Eigennutz geleitet wird und im Grunde im Selbsterhaltungstrieb wurzelt definieren.

Es gibt unterschiedliche Formen des Egoismus. Für den Philosophen Emmanuel Kant ist der primitive Egoist einer, der auf sich selbst bedacht ist, welcher alle Zwecke auf sich selbst einschränkt, der keinen Nutzen, worin sieht, als in dem, was ihm nutzt. Eine sehr kurzgedachte Art des Egoismus, wie ich finde.

Im weiteren Sinne ist jedes menschliche Verhalten egoistisch, da jedem bewussten Handeln eine individuelle Absicht und Abwägung des Nutzens zugrunde liegt. Damit kann selbst altruistisches Verhalten egoistisch sein, da altruistisch Handelnde ihr Handeln als für sie vorteilhaft bewerten können (z.B. erfolgreiche Kindererziehung, erfolgreiche medizinische Hilfe). Der Philosoph Richard David Precht sagt zudem, dass ich mich am Ende selbst beglücke und belohne, indem ich etwas Gutes tue und anderen Menschen helfe. Hier ist wesentlich, wie ich mit dem Ergebnis umgehe. Erzähle ich es in der Öffentlichkeit, um Anerkennung zu sammeln oder behalte ich es nur für mich, was moralisch der richtige Umgang damit wäre. Hier gibt es unterschiedliche kulturell-religiöse Normen und Werte. Während im Abendland das Paradigma „Tue Gutes und sprich darüber“ herrscht, gilt im Morgenland eher „Tue etwas Gutes und werfe es ins Meer“ – geleistete Hilfe sollte zum Schutz des Bedürftigen, nicht ausgesprochen werden.

Im engeren Sinne ist jedoch ein Verhalten als egoistisch einzustufen, wenn der Handelnde bewusst einen Nachteil für Andere in Kauf nimmt und nur auf seine eigenen Vorteile bedacht ist. Auch dann, wenn ein alternatives Verhalten, etwa geleitet nach moralischen Prinzipien wie Gerechtigkeit, auch möglich wäre. Die Zuspitzung von Egoismus kann zu Egozentrismus werden, wenn das Bewusstsein für tatsächlich entstandene Nachteile für eine andere Person als Folge des eigenen Tuns nicht vorhanden ist – d.h., es ist einem egal, welche Konsequenzen mein Verhalten auf andere Menschen haben. Allerdings ist ein gesunder Egoismus zugleich Motor für Forschung, Innovation und Entwicklung, wobei gesund nicht klar abgrenzbar ist und deshalb im Spannungsverhältnis zum Altruismus steht. Auch die Entdeckung des Rades oder des Feuers ist diesem Zweck zuzuordnen, der Entdecker hat es sicherlich aus Selbstzweck versucht, aber der Nutzen gebührt der ganzen Menschheit.

Von den meisten Philosophen wird Egoismus als Ausdruck eines menschlichen Selbsterhaltungstriebes gefasst. Hobbes, Kant oder auch die politische Ökonomie versteht darunter eine Form individueller Rationalität, die auf die Maximierung des individuellen Nutzens gerichtet ist. Diese Perspektive verlangt jedoch nach einem Rahmen, den Aristoteles und Kant als menschliche Moral nennt und für Hobbes, der keine auf uns gekommene Moral kennt, es menschliche Vernunft ist. Da Ethik bzw. Moralvorstellung mit dem Zeitgeist auch wandelbar ist, unterzieht sich damit auch die Vernunft einem Wandel. Einen wesentlichen Unterschied haben beide Begriffe, indem die Moral dem Menschen eine emotionale und die Vernunft eher eine ratio-gesteuerte Orientierung für das gesellschaftliche Leben bietet, letztere lässt aber weniger Empathie zu. Dennoch sind beide Werkzeuge für das persönliche und gesellschaftliche Verhalten immanent.

Prüfen wir uns aber mal selbst:

  • Wie verhalten wir uns gegenüber unseren Nächsten, unserer Familie?
  • Sind wir selbstlos, ein verständnisvoller Partner, Vater, Vorgesetzter, oder Privatperson im öffentlichen Raum?
  • Wenn ja, bis zu welchem Grad?
  • Und mit welcher Motivation?
  • Wie verhalten wir uns in der Freimaurerei mit und unter unseren Brüdern, denen wir ein Gelübde abgegeben haben?
  • Wieviel Empathie zeigen wir?
  • Wieviel stecken wir ein, wieviel sind wir bereit, zu geben?
  • Bezieht sich das Verständnis egoistischen Handelns nur auf die Mitmenschen oder auch zur Umwelt, die vom A.B.a.W. uns Menschen anvertraut wurde?
  • Welchen Einfluss hat der Egoismus auf unsere Handlungen, wenn wir anderen Menschen helfen wollen?
  • Ist dieses Verhalten frei vom Egoismus oder ist es gerade dieser, den es treibt?
  • Ist die Arbeit am rauen Stein auch nicht vom Egoismus angetrieben, um durch die Selbsterkenntnis und der Arbeit an sich selbst ein besserer Mensch werden zu wollen und damit egoistischen Motiven folgt?

Die Beantwortung dieser Fragen und der Wunsch, am Ende des Denkprozesses ein zufriedenstellendes logisches Ergebnis zu erhalten, wird es kaum nicht geben. Vielmehr sollte und muss der Mensch durch die Arbeit an sich selbst und damit am rauen Stein solange arbeiten, bis er eine individuelle harmonische Lösung zwischen Egoismus und Altruismus findet. Auf dem Weg dahin werden viele Fragen aufkommen und Erfahrungen gemacht, die bei der Beantwortung dieser Frage hilfreich sein werden. Demnach darf ein Bruder, der das Wesen der Maurerei verstanden hat, im Prinzip kein Egoist im sein, zumindest nicht im engeren Sinne. Der Freimaurer arbeitet am rauen Stein, um sich zum einen durch Selbsterkenntnis genau solcher primitiven Triebe zu entledigen und zum anderen sich als ein Teil im symbolischen Tempel eizufügen, also sich in die Reihe der Brüder als Teil der Freimauerei verstehen. Die Arbeit an sich selbst ist demnach zum einen egoistisch und zum anderen altruistisch und dient sowohl dem Bruder als auch der der Gemeinschaft und seinen Mitmenschen. Denn Freimaurer bauen am symbolischen Tempel der Humanität (lateinisch Humanitas: Menschlichkeit, Bildung aber auch Anerkennung der eigenen Verantwortlichkeit für das Wohl der Mitmenschen).

Der enge Egoismus ist mit den zentralen Tugenden der Freimaurerei wie Humanität, Brüderlichkeit und Toleranz nicht vereinbar und wird zunächst zwar abgelehnt, doch bis zu einem bestimmten Grad aber auch zugelassen. Die Entfaltung der Persönlichkeit ist nach der Freimaurerei demnach kein Egoismus, da sie einen überindividuellen Wert bildet und ihre positive Entwicklung auch der Freimaurerei zu Gute kommen müsste. Aber auch jeder von uns wäre nicht ein Bruder, wenn er kein Suchender wäre, womit er auch bereits vor dem Erhalt des Lichts mit der Arbeit an sich selbst begonnen hatte. Es ist eine der Pflichten, die uns vom A.B.a.W. aufgegeben wurde; uns in die Lage anderer zu versetzten und uns für sie einzusetzen. Im Sinne Shaftesburys (schottischer Moralphilosoph im 18. Jh. Mit großem Einfluss auf das freimaurerische Denken) sucht die Entfaltung der Persönlichkeit „die harmonische Verbindung egoistischer und sozialer Neigungen“. Nach Rudolf Eisler (österreichischer Philosoph im 19. Jh.) ist ihr Ideal, „möglichst große Personalität mit möglichst starker Sozialität verbunden“. Genau das ist auch das Prinzip des Ying und Yang, des Ausgleichs, der Harmonie oder auch der Dualität alles Leben auf der Welt. Demnach ist eine Positionierung an den Rändern immer schädlich, ein starker Egoist neigt zu Ungerechtigkeiten und der Gefahr zum Egozentrismus, der absolut Selbstlose kann am Ende sogar sich selbst schaden und damit seinen Mitmenschen in Trauer versetzen.

Der Mensch steht jedoch in der modernen Konsumgesellschaft stärker denn je unter Druck, sich seiner selbst bewusst zu sein und seinen egoistisch-niederen Trieben Grenzen zu setzen. Der Konsum und die steigende Kurzlebigkeit von Dienstleistungen, Produkten oder auch zwischenmenschlichen Beziehungen verführen den schwachen Charakter, sich zunehmend moralischer Prinzipien zu entledigen, seinem Ego und den sog. Genüßlichkeiten hinzugeben, ohne ihre Folgen kritisch zu hinterfragen. Ein stark ausgeprägter Egoismus verhindert zugleich Selbstkritik und das Eingestehen von Fehlern und kann im Extremfall zu seelischer Not führen. Bei Entscheidungsträgern in der Politik oder Wirtschaft kann es letztendlich weltweit zu Armut führen, die durch egoistisches Handeln der Menschen bzw. der Staaten begründet wird und Ungerechtigkeiten zulässt. Ihrer Linderung und der Schaffung von mehr Gerechtigkeit sollte ein ebenso wichtiges Ziel sein wie die Arbeit am rauen Stein. Deshalb müssten im Prinzip weit mehr Maurer in solche Entscheidungsstrukturen tätig sein, um sie mit den Grundprinzipien wie Humanität, Brüderlichkeit und Toleranz positiv zu beeinflussen. Unsere maurerische Gesinnung können wir an solchen schweren Situationen unter Beweis stellen, um der Menschheit einen Dienst zu erweisen. Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist u.a. die Leistung von Brüdern bei der Gründung der Vereinten Nationen als Weltorganisation, in dem alle Staaten vertreten sind. Das menschliche Ego im Sinne nationalstaatlicher Interessen hat aus ihr jedoch einen zahnlosen Tiger gemacht.

Am Ende kann und soll sich jeder Mensch selbst verwirklichen und frei entfalten, was ihm auch im Sinne des Selbsterhaltungstriebs angeboren ist. Die freimaurerischen Tugenden Humanität, Toleranz und Humanität lassen es zu und fördern sie sogar. Die wahre Kunst des Lebens liegt aber darin, als freier Mensch sowohl sich selbst zu entfalten als auch sich selbst und die Mitmenschen zu lieben und weiterzuentwickeln, ein schwieriger aber entscheidender Spagat im Leben eines jeden.

Eine Arbeit im Lehrlingsgrad der Loge ‚Yunus Emre‘ i. Or. Köln.

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